Viele Jahre nach dem ersten Text zu Avatar, aber noch vor dem Erscheinen des zweiten Teils, habe ich anlässlich einer Trauung noch einmal ein Kernelement des Films aufgegriffen:
„Oel ngati kameie“ – „Ich sehe dich“, dieser simple, aber für die Philosophie des Blockbusters „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ so wichtige Satz ist mir bei der Vorbereitung dieser Trauansprache wieder eingefallen. „Oel ngati kameie“ meint nicht nur einfaches Sehen oder Betrachten, sondern Anschauen, Wahrnehmen, Erkennen, Innewerden, also ein positives, emotionales Gewahrwerden des anderen – vor allem des „menschlichen“ bzw. humanoiden Gegenübers.
In gewisser Weise bringt dieser Satz zum Ausdruck, was ihr euch als Trautext gewünscht habt: „Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ (1. Johannes 4,12) Die meisten der sich auf Pandora befindenden Menschen sehen nur die Bäume und die Bodenschätze, die Raubtiere und die umzusiedelnden Ureinwohner, also das Materielle und den damit zu erzielenden Profit. Die Beziehungen all dieser Teile untereinander, das, was den Spirit, den Geist ausmacht, wollen bzw. können sie nicht sehen.
Ja, Gott können wir nicht sehen, schon gar nicht mit unseren äußerlichen Augen, das wäre unser Tod!, aber wenn wir mit den Augen des Herzens schauen, wenn wir der Liebe des Schöpfers in seinen Werken und in seinen Geboten innewerden und im Geiste Jesu einander wahrnehmen, was ja immer auch heißt, miteinander leben und füreinander da sein, dann, so wird der Verfasser des ersten Johannesbriefs nicht müde zu betonen, dann bleibt Gott in uns, erfahren wir Gott, leben wir göttlich, ist seine Liebe in uns vollkommen.
„Oel ngati kameie“ – gesehen, kennengelernt habt ihr euch ja auch in einer „anderen Welt“, während einer Jugendfreizeit in Schweden, gewachsen ist eure Beziehung und entfaltet hat sie sich dann über die folgenden Jahre hinweg. Und obwohl ihr beruflich sehr verschiedene Wege eingeschlagen habt, hat euch das doch offensichtlich näher gebracht. Die Begeisterung für Outdoor-Aktivitäten habt ihr beide noch, aber ihr ergänzt euch eben auch, vertraut einander, erfahrt Geborgenheit, sodass ihr gemeinsam tragen könnt, was der eine aus dem Produktmanagement und die andere aus der Schule mit nach Hause bringt.
„Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“ Der Glaube weiß: Die aus Gott schöpfende, im Geiste Jesu wirkende Liebe ist stärker als Kruppstahl, hätte man früher gesagt. Sie scheint schwach zu sein und ist doch gerade in den Schwachen mächtig. Sie lässt Leben aufblühen, auch gegen alle Widerstände oder Entfernungen, sie macht zärtlich und macht wütend, wenn dem Geliebten etwas widerfährt. Ohne die Liebe ist Alles nichts.
Und doch verkümmert sie, wenn sie nur auf das unmittelbare Gegenüber begrenzt bleibt. Christus, der uns gesagt und gezeigt hat, wer, wie und was Gott ist, hat uns die vorbehaltlose Liebe Gottes vorgelebt. In ihm sind auch wir fähig und in der Lage bedingungslos und grenzenlos zu lieben; können wir als Söhne und Töchter Gottes seine Liebe zur Welt bringen, können innewerden, dass uns im anderen Christus selbst begegnet. Gott lieben heißt immer, IHN im anderen lieben. Darin wird seine Liebe in uns vollkommen.
Niemand hat Gott jemals gesehen. Aber ER ist präsent, wenn wir einander lieben, den anderen wahrnehmen, wie Gott ihn sieht bzw. im anderen, im Gegenüber Christus erkennen und dienen.
„Oel ngati kameie“ – „Ich sehe dich“ – „Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.“
Hinterlasse einen Kommentar