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Auf der lebenslangen Suche nach den richtigen und passenden Worten für das im tiefsten Unsagbare lade ich Euch ein auf meine Entdeckungsreise.

Barmen und der französische Einmarsch 1923: Ein Zeitzeugenbericht

Anfang 1923 wurde, wegen eines Rückstands bei den Reparationszahlungen, das Ruhrgebiet von den Franzosen und Belgiern besetzt (näheres siehe hier). Das Wuppertal blieb unbesetzt. Wohl aufgrund von heftigen Auseinandersetzungen an der Ronsdorfer Grenze zwischen französischen und deutschen Beamten drangen im Zuge der Fahndung nach den deutschen Beamten die Franzosen am 12. Juli 1923 vorübergehend in Barmen ein, zogen sich aber schon nach gut einem halben Tag wieder zurück.

In einem Brief vom 29. Juli 1923 schilderte mein damals 14-jähriger Großvater seinem Vater, der wohl als Lehrer im besetzten Teil des Ruhrgebiets arbeitete, wie er die Ereignisse dieses Tages erlebt hatte:

„Lieber Vater!

Du wunderst Dich, daß wir garnichts von dem Franzosentag geschrieben haben. Ich hatte es voriges Mal vergessen und will es jetzt nachholen. An dem betr. Tage waren Mutter und ich schon sehr früh aufgestanden und hatten schon gemangelt. Als wir vom Speicher zurückkamen, sagte uns Frau Schuster, daß die Franz. in der Nacht gekommen seien. Wir wußten nicht, was wir sagen sollten und wollten es zuerst nicht glauben. Da zeigte sie uns einen Posten, der vor der Sedanschule auf- und abmarschierte. Die Franz. hatten nämlich geglaubt, das Gebäude sei eine Bank, und hatten es daher stark besetzt. Als wir in die Schule gingen, sahen wir vor der Schupo-Wache etwa 20 – 30 Franzosen stehen. An diesem Tage hatten wir keinen vernünftigen Unterricht. In der ersten Stunde halfen wir mit, die Turnhalle auszuräumen, damit die Franz. die Geräte nicht zu Brennholz machen konnten. Einige Stadtteile waren ganz abgesperrt, sodaß viele Lehrer und Schüler fehlten. Als es um 11 Uhr hitzefrei gab, waren wir sehr erstaunt, als wir hörten, dass die Franz. die Stadt bereits wieder geräumt hatten. Kurz darauf durchschwirrten viele Gerüchte die Stadt von einem großen Geldraube. Die meisten sagten, es seien 80 Milliarden geraubt worden, eine Frau sprach sogar von 400 Milliarden. Aber es stellte sich bald heraus, daß kein Pfennig fehlte. Die Freude über den Abzug der Franz. war bei uns um so größer, als ja sonst die Ostpr.-Reise ins Wasser gefallen wäre. Auch war am nächsten Tage das langerwartete Turnfest unserer Schule…“

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