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Auf der lebenslangen Suche nach den richtigen und passenden Worten für das im tiefsten Unsagbare lade ich Euch ein auf meine Entdeckungsreise.

Der Goldfischteich

Im Koffer fand sich unter anderem eine Sammlung von Gedichten, die mein Großvater (geboren 1909) als junger Mann, zwischen 1929 und 1933) verfasste. Darunter eins aus dem Dezember 1929 mit dem obigen Titel:

Aus dem großen Goldfischteiche,
Naß und kalt, mit wirrem Haar,
Zog man gestern sie als Leiche;
Sie, die all mein Glück einst war.

Schluchzend lag ich ihr zu Füßen,
Tastete mit leiser Hand
Nach den Wangen meiner Süßen,
Ob das Leben ganz entschwand.

Ach, ich konnt‘ es gar nicht fassen,
Dass ihr Herz nun stille stand,
Dass sie mich allein gelassen,
Fortging in ein beßres Land.

Nie mehr werde ich jetzt hören
Ihrer Stimme Silberklang.
Nie mehr wird sie mir gehören,
Ach, die Sehnsucht macht mich krank.

Doch was hör ich da erklingen?
Aus dem Schlaf schreck ich empor.
Denn der Weckuhr Töne dringen
Immer lauter an mein Ohr.

Ja, in meinem tiefen Schlummer
Wußt ich nicht, daß all mein Schmerz,
Liebesleid und Herzenskummer
War des Traumgotts böser Scherz.

Jetzt verlach ich meine Träume,
Frei von meinem schweren Joch,
Meine Ängste waren Schäume,
Denn sie lebt und liebt mich noch.

Zum Entgelt für meine Sorgen
Küsse, Mädel, mich sogleich!
Denn wer weiß, ob du nicht morgen
Wirklich liegst im Goldfischteich.

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